Monumental-Rezension Anderzeiten

Spender-FotoAlfred Vejchar, Urgestein der Wiener SF-Szene, “Zeremonienmeister” der Science Fiction Gruppe Wien – SFGW, ehemals redaktioneller Mitarbeiter des Perry Rhodan-Magazins, eifriger Rezensent der frühen Jahre, hat eine umfangreiche Rezension des Buches ANDERZEITEN verfasst, die schon selbst beinahe als Kurzgeschichte durchgehen kann.

Zwar sind die beiden Herren seit Jahrzehnten in Freundschaft verbunden, allerdings ist Alfred Vejchar niemand, der sich ein Blatt vor den Mund nimmt, was er gern – und mit viel schwarzem Humor – immer wieder unter Beweis stellt. Trotzdem kam am Ende eine für alle Beteiligten sehr befriedigende Literaturkritik zustande.

Rezension im unveränderten Wortlaut, (c) Alfred Vejchar, optisch der leichteren Lesbarkeit wegen aufgelockert:

 

ANDERZEITEN

Gleich vorweg: Ich lese nur sehr selten Kurzgeschichtenbände, lieber sind mir Trilogien zu je 1.000 Seiten, so habe ich eben auch alle Scalzi begeistert verschlungen. Nun habe ich Dein Buch bis zur Mitte gelesen und kann dazu schon Stellung nehmen.

  • Erstens: Du kannst stolz darauf sein, dass Du wieder mein Interesse an KGs geweckt hast.
  • Zweitens: Du hast mich überrascht, Ideenreichtum, gutes Ausdenken der Ideen, angenehmer Schreibstil.
  • Drittens: Fast alle bisher gelesenen Geschichten gefielen mir gut bis sehr gut, das ist beachtlich.
  • Viertens: Meisterlich Deine Erläuterungen VOR der Geschichte. Die fand ich besonders beachtenswert: Prägnant, erklärend, einleitend, manchmal hintergründig.

Incommunicado hat mich sehr angesprochen, Zur falschen Zeit auch, besonders gut Geschenk von den Sternen und mein Favorit (bisher) die Romanze in E-Dur.

Ausgenommen Brown und Sheckley und früher Galaxis und Utopia Magazin habe ich mich von KG-Sammlungen ferngehalten, außer sie behandelten alle mein Lieblingsthema Parallelwelten und Zeitreisen. Dein Buch werde ich also mit Vergnügen weiter lesen. Hast mich beeindruckt.

Respekt.

Als ich dann nach kurzer Lesepause mit dem zweiten Teil des Buches begann, setzte ich mich in den bequemen Lehnstuhl im Bücherkeller meines Hauses, machte es mir inmitten tausender Bücher mit einer Zigarre und einem Gläschen Cognac gemütlich, öffnete meine Ohren für die Töne von Vangelis und meinen Geist für die mich zu erwartenden literarischen Genüsse.

Cover: Mommers: AnderzeitenSchon beim Lesen der ersten Zeilen von Speck für die Maus offenbarte sich mir ein Deja Vu und vor meinem inneren Auge erschloss sich ein anderes Habitat: Ich sitze – wieder in einem bequemen Lehnstuhl – in der Schweizer Wohnung von Familie Mommers in Davos, es ist Abend, ringsum die herrliche Bergwelt im Glanz der untergehenden Sonne, Kathrin bereitet ein köstliches Abendessen zu, dessen Duft Herrliches verheißt, in meiner Hand ein Cognacglas. Mir gegenüber Helmuth, ein Manuskript in der Hand, und liest eben jene Geschichte vor, die ich nun zufällig als erste meines zweiten Leseabenteuers aufgeschlagen hatte.

“Diese Geschichte ist in c’t erschienen” (einem bekannten Computermagazin), begann Helmuth seine Lesung und ich lauschte aufmerksam. Noch nachts beim Einschlafen beschäftigte mich das Gehörte und ich überdachte es noch einmal. Nun las ich es in seinem neuen Buch wieder und es gefiel mir ebenso gut wie damals beim Zuhören.

Speck für die Maus” – der Speck ist eine fantastische Wohnung und die Maus ein junger Mann in den Fängen eines monumentalen Keilers. Allerdings spielt die leider alltägliche Handlung in ferner Zukunft, wo man solche Besichtigungen und Verhandlungen in einer digitalen Welt durchführt. Die Wohnung ist ein Traum, in bester Lage zu niedrigem Zins – erst spät erkennt der Kunde die Falle im Cyberspace, er ist einem Spam-Angebot aufgesessen. Dies erkennt er bei Besichtigung des Schlafzimmers, wo ihn im Bett eine Schöne erwartet und sich ihm in allen Körperformen und -lagen anbietet, im Abo, im Kauf, im Leasing. Und so geht es weiter, solange der Makler makelt, kommt er nicht raus aus der Cyberspace – Besichtigung mit tausenderlei Aufzahlungsmöglichkeiten, die ihn ruinieren würden. Sehr gut dargestellt, man ist mit dem Kunden mittendrin in der verlockenden Falle.

Danach beeindruckte mich Habemus papam sehr. Der Autor schrieb die Geschichte, als Papst Johannes Paul der II. vom Tode gezeichnet war und sie erschien Stunden nachdem Papst Benedikt XVI. erwählt wurde. Papst-Wahlen sind eine meist lang währende Handlung und man wartet lange bis der weiße Rauch aus dem Vatikankamin aufsteigt. Umso schwieriger die Wahl in einer fernen Zukunft, wo sich auch viele außerirdische Kardinäle um das Amt bewerben. Helmuth aber treibt selbst dies noch auf die Spitze, denn keine außerirdisches Leben, sondern ein hochentwickelter Vertreter gläubiger Roboter will Pabst werden. Klar dass sich da viele Kardinäle wehren. Spannend bis zur letzten Zeile, sehr gut aufgebaute Geschichte.

Neben Novellen enthält ANDERSWELTEN auch wirklich kurze Kurzgeschichten. Dazu gehört das köstliche Le dernier cri (“Der letzte Schrei”), eine short-short-story; in der auf wenigen Seiten zu lesen ist, wie ein Mann eine Frau fasziniert anstarrt, die ihn mit laufend wechselnden Nano-Kleidern lockt und verwirrt und ihn dann mit einer enormen Leasingrate der Mode-Downloads schockt und dennoch verführt. Toll geschrieben!

Echt männerfeindlich und eine Geschichte für männerfressende Emanzen (von denen es neben echten Emanzen leider genügend gibt) ist die Novelle Gepriesen sei die Große Mutter. Ein terranisches Expeditionskorps studiert eine verlorengegangene Kolonie, ein Matriarchat besonderer Art, mit genveränderten Frauen und unterwürfigen Männern, die eigentlich nur zum “Gemolkenwerden” (Samen absondern) und künstlicher Befruchtung beim Begattungsritual verwendet werden. Der Aufbau der Geschichte ist spannend erzählt, die fremdartige Kultur überzeugend dargestellt, alle Charaktere faszinierend.

Eine weitere Geschichte, wo eine Grundidee gut ausgebaut wird, ist Körper zu vermieten. Hier bieten Männer und Frauen ihre Körper an, in die man stundenweise (je nach Finanzkraft auch länger) als Untermieter leben kann. Es sind meist junge “Vermieter” und die “Mieter” sind oft ältere Menschen, die gerne stundenweise oder länger ein jüngeres Leben führen wollen. Helmuth baut da viele feine Episoden ein, z.B. einen ganz speziellen Coitus Interruptus, weil mitten im Akt die eigen Miete abläuft und der nächste Mieter den Höhepunkt übernimmt. Eine ebenso traurige wie erheiternde Geschichte über eine neue Variation zum Thema, wieder jung sein zu können.

Heiter und ebenfalls eine sehr kurze Short-Story ist Zeitbeben, in dem sich wohl der Autor in einem Alter Ego selbst ein wenig auf die Schaufel nimmt.

In diesem umfangreichen Kurzgeschichtenband auf immerhin 576 Seiten findet man viele Themen, ausgereifte Ideen, Erotik, nachdenklich Machendes, Überraschendes, immerhin hat mich diese Sammlung dazu bewegt, neben den bisher bevorzugten mehrbändigen tausendseitigen Romanen nun auch wieder Stories zu lesen. Danke Helmuth, dass Du mich wieder zur KG zurückfinden hast lassen, danke für dieses Buch, es ist in der Tat lesenswert.

(Alfred Vejchar)


Das Buch gibt es u.a. bei Amazon als Hardcover und Kindle Edition, oder versandkostenfrei direkt beim Verlag p.machinery (via EMail michael [at] haitel punkt de) – und natürlich haben wir ANDERZEITEN in der Bibliothek zum Verleih bereit.

Rundum-Cover Anderzeiten

 

 

Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Kommentare sind geschlossen.