Spotlight: Nalo Hopkinson: Brown Girl in the Ring

Beitrag von Elias B.

Bei den Spotlights wird, wie immer, ein kleineres und damit punktuelles Schlaglicht auf die schreibende Person gerichtet, mehr Licht kommt einer Auswahl dessen zu, was die Person geschrieben hat.

Nalo Hopkinson (Website) hat im Jahr 2021 als erste afrokaribisch-kanadische Schriftestellerin den hochehrwürdigen Damon Knight Memorial Grand Master Award der Vereinigung der Science Fiction und Fantasy Autor_innen (SFWA) erhalten. Ein Preis, der in den Vereinigten Staaten einmal im Jahr einer bestimmten Person verliehen wird, die besonderes für die Genreliteratur geleistet hat. Der Preis könnte mit dem Oscar fürs Lebenswerk in der Filmbranche verglichen werden. Damit spielt Hopkinson in der Liga eines Michael Moorcock oder einer Ursula K. Le Guin.

Höchste Zeit also ein Spotlight auf Nalo Hopkinson und insbesondere ihren ersten Roman Brown Girl in the Ring zu werfen.

Cover: Nalo Hopkinson - Brown Girl in the RingDer Titel des Romans Brown Girl in the Ring (1998) ist einem jamaikanischen Kinderlied entlehnt und hat den Locus– und den John W. Campbell Award (der heutige Astounding Award) für den besten Erstling abgeräumt.

Angesiedelt ist der Roman in einem post-apokalyptischem Toronto, in dem diejenigen, die es sich leisten konnten, in die Außenbezirke („subs“) gezogen sind. All die Anderen verbleiben in der dystopischen Innenstadt, in der Gewalt, Krankheit und Drogensucht („keff“) noch das kleinere Übel im Vergleich zu Boss („posse“) Rudy sind, der ewig zu leben scheint.

Bereits am Anfang wird der düstere Grundton des Romans deutlich und beschwört ein Szenario von Verwahrlosung und nacktem Überlebenskampf.

Oberboss Rudy wird von einem Regierungsbeamten aus den „subs“ damit beauftragt, für viel Geld ein unversehrtes Herz für die Herztransplantation einer Politikerin zu besorgen. Und wer kommt dafür in Frage, wenn nicht Tony, früher Mediziner und heute keffabhängiger Draufgänger, der im Dienste Rudys steht. Gleichzeitig ist Tony der Ex-Freund der Hauptprotagonistin Ti-Jeanne und Vater ihres neugeborenen Sohnes. Von dem Vaterglück weiß er allerdings nichts.

Ti-Jeanne kehrt zu Beginn des Romans als alleinerziehende Mutter mittelos mit ihrem Neugeborenen zu ihrer Großmutter Gros-Jeanne – einer bekannten Wunderheilerin – zurück. Dabei ist die Begegnung der Genrationen nicht frei von Konflikten. Dass sie beide mit wundersamen Geistern in Verbindung stehen, macht ihre Beziehung auch nicht gerade einfacher. Tony, der es nicht vermag, für ein Herz einen Mord zu begehen, erfleht die Zauberkräfte von Gros-Jeanne, um ungesehen aus der Stadt zu enkommen.

Von da an beginnt eine Tour de Force: Die Übereignisse überschlagen sich nach der Eröffnungszene derartig, dass nur eines hilft:

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Der Roman versprüht einen fesselnden Rausch voller karibischer Magie und Geister, jugendlicher Leidenschaft – ohne dabei ins Kitschige abzudriften -, und einer gehörigen Portion Blut. Coming of Age trifft magischen Realismus trifft feministische Popliteratur. Und all das Feine und Grobe und Raue des Romans wird dabei innerhalb eines karibischen Slangs verwoben, der die Dialoge vor sich her treibt:

„Yes, but i don’t understand. I supposed to watch over people dying, or something? I don’t like how that sounds Mami!“

„Doux-doux, the spirits don’t call we unless we ready to accept the call, so you must be ready, even if you don’t want to accept it. Legbara is your guardian. He will watch out for you, if you is a good daughter.“

Nalo Hopkinsons Biographie ist nicht frei von Schicksalsschlägen: Sie wurde 1960 in Jamaica geboren und ist in Guyana und Trinidad aufgewachsen, von wo aus sie schließlich als Teenager nach Toronto zog. Nach dem Erfolg ihres Erstlings hat sie mit „Midnight Robber“ (2000) „Salt Roads“ (2003) – beides Finalisten des Nebula Awards – und Skin Folk (2001) – Gewinner des World Fantasy Award for Best Story Collection sich in die Phantastik eingeschrieben. Ab den 2007er Jahren jedoch wurden Hopkinsons literarische Erfolge von einer Krankheit unterbrochen, die sie in den finanziellen Ruin getrieben hat.

It was a pretty intense few years I’m still recovering from, so Hopkinson in einem Interview mit der LA Times (2013).

Cover: Nalo Hopkinson - Sister MineNach ihrer Zeit der Krankheit und Mittellosigkeit wurde sie 2011 in eine Professur für literarisches Schreiben an die Universität von Kalifornien berufen. Ihr bislang letzter Roman „Sister Mine“ erschien 2013.

Kurzum: Hopkinsons Erstling tat mit Pauken und Trompeten seine Geburt kund und tut dies immer noch, sodass er neue unbekannte Ecken der Phantastik ausleucht und auch heute noch ein erfrischend anderes Leseerlebnis bietet.

Ein wahrlich phantastisches Erlebnis und absolut empfehlenswert!

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Es gibt bisher bedauerlicherweise KEINE Übersetzungen von Werken von Nalo Hopkinson ins Deutsche. Als englische Paperbacks sind Brown Girl in the Ring und Sister Mine in der Bibliothek vorhanden.

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